Standpunkte des Museums

Wie steht das Museum heutzutage zur Kolonialisierung?

Der Kolonialismus ist eine Regierungsform, die sich auf militärische Besatzung, auf ein autoritäres und rassistisches Regime und auf Ausbeutung stützt. Das Museum distanziert sich daher ausdrücklich davon. Es steht zu seiner Verantwortung für die Auswirkungen der früher vom Museum ausgehenden Pro-Kolonialismus-Propaganda auf die multikulturelle Gesellschaft von heute, und für das Narrativ einer moralischen und intellektuellen Überlegenheit des Westens, welches vom Museum in der Vergangenheit propagiert wurde.

Das Museum soll ein Forum für Meinungen und Ansichten über die historischen, gegenwärtigen und zukünftigen Beziehungen zu Zentralafrika sein. Eine Reihe von Historikern haben durch Meinungsartikel in den belgischen Medien einen interessanten Stand der Kolonialgeschichte dargestellt:

Auf Niederländisch:

Auf Französisch:

 

In welchem Licht sieht das Museum das Regime während des Unabhängigen Kongostaats?

Von 1885 bis 1908 war König Leopold II der souveräne Monarch des Unabhängigen Kongostaats. Er nutzte das Gebiet zu seinem eigenen kapitalistischen Profit. Vor allem der Abbau von Gummi und die Gewinnung von Elfenbein gingen mit ausufernder Gewalt einher. Eroberungskriege, Ausbeutung, Zwangsbeschäftigung, Strafexpeditionen, Umsiedlung der Bevölkerung, die Zerstörung der einheimischen Landwirtschaft, Epidemien und die Einschleppung bisher unbekannter Krankheiten kosteten vielen Kongolesen das Leben. Außerdem ist die Geburtenrate stark gesunken. Da keine zuverlässigen Zahlen vorliegen, ist es sehr schwierig, die genaue Zahl der Menschen, die dem Unabhängigen Kongostaat zum Opfer fielen, zu ermitteln. Das gesamte Bevölkerungsdefizit liegt allerdings bei vielen Hunderttausenden, nach aktuellen Schätzungen von belgischen und kongolesischen Historikern möglicherweise sogar bei einigen Millionen. Manche reden sogar von einem Drittel der Gesamtbevölkerung.

 

What is the museum’s position on the restitution of African cultural heritage? (in English)

A number of objects in the RMCA’s collections are not its moral or legitimate property. Part of the collections was acquired during the colonial period, in conditions that were violent, unfair, or with a power imbalance. This was especially the case during the Congo Free State years between 1885 and 1908.

The RMCA has for many years been an active and transparent participant in discussions regarding the restitution of African cultural heritage and in the dialogue with the relevant stakeholders. The museum’s restitution policy was published in early 2020.

That said, the federal state remains the legal proprietor of the RMCA collections, and no decision regarding ownership can be made by the museum itself. Only the Federal State Secretary for Science Policy can make such a decision, in accordance with a strict legal framework and with parliamentary approval.

In July 2022, the Federal Parliament adopted a bill "recognising the alienable character of goods linked to the colonial past of the Belgian State and determining a legal framework for their restitution and return". Requests for the restitution of objects of Congolese origin are submitted to a joint Congolese-Belgian commission, composed on a parity basis, which will examine the provenance of the objects concerned. This commission is composed of eight members, four of whom are appointed by the DR Congo and four by Belgium.

The RMCA gives priority to provenance research. This consists of an in-depth study of the conditions under which the objects were acquired. A four-year research project, funded by the Federal Science Policy, aims to study the provenance of objects in the RMCA's ethnographic collections. The project started in September 2022 and four researchers have been recruited for the project. The project is conducted in co-creation with the Institut des Musées nationaux du Congo (IMNC). African scientists will be involved in this research.

The RMCA has also launched a ‘provenance trail’ through the museum's rooms in 2021. This smartphone guided tour highlights pieces of different origins. The RMCA developed the tour to share the results of its provenance research efforts. The museum also regularly publishes articles to provide more context and details on the provenance of the objects in the trail.

 

Are there human remains in the museum's collections? (in English)

The RMCA preserves two mummified humans, who ended up in the museum collection in 1919 via the Ministry of the Colonies. They were examined for the first time in 2004. The researchers were able to determine that they were probably herdsmen from the Kivu region. In 2020, a find was made in the Africa archives of the State Archives with an exact description of the location they were found.

In 1964, the museum closed its department of physical anthropology. Most of the skulls and other human remains that were preserved there were transferred to the Royal Belgian Institute of Natural Sciences. They are still there today. Some human remains that were part of this department's collection, such as the two mummified humans, but also Prince Kapampa, are still at the RMCA. The skull of this prince was taken with that of Chief Lusinga Iwa N'Gombe by Captain Emile Storms (1848-1918).

The museum also preserves some ethnographic objects in which human remains were incorporated by their makers. These include, for example, musical instruments whose sound box consists of a skullcap, and a horn to which a piece of jawbone has been attached.

In collaboration with six other museums and universities, the RMCA launched the HOME project (Human Remains Origin(s) Multidisciplinary Evaluation) to thoroughly evaluate the historical, scientific, and ethical background of human remains in Belgian collections. The aim is to inform policy and stakeholders about their possible final destinations.

 

Was ist die „Charte de l’impérialisme“?

In den sozialen Netzwerken zirkuliert bereits seit geraumer Zeit eine sogenannte „Chartre de l'Impérialisme“, auch „Charta der Sklaverei“ genannt. Manche Autoren und Internet-Nutzer behaupten, das AfricaMuseum würde über dieses „vertrauliche“ Dokument verfügen. Dies ist jedoch ein Hoax.

Die Charta wurde angeblich in der Zeit der Sklaverei in Washington verfasst. 1885 sollen die westlichen Mächte auf der Konferenz von Berlin darüber im Verborgenen Verhandlungen geführt haben. Nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg soll das Dokument erneut zur Sprache gekommen sein. In der Charta sollen sich die westlichen Länder „zur Ausbeutung der armen Länder und zur Abschlachtung ihrer Einwohner“ zusammengeschlossen haben. Sie sollen auch beschlossen haben, dass „ihre Führer niemals für ihre Verbrechen bestraft würden, wo auch immer auf der Welt sie diese begehen“.

Das Dokument ist jedoch in mehrerlei Hinsicht fragwürdig. Es ist anonym: Weder die Autoren noch die genaue Herkunft sind bekannt. Es ist kein Originaldokument: Lediglich Abschriften davon sind im Umlauf. Eine Charta ist ein offizielles Dokument, das grundsätzlich erst dann rechtsgültig ist, wenn es von einer oder mehreren Personen unterzeichnet wurde. Das ist hier nicht der Fall. Außerdem soll mehrmals an verschiedenen Orten über das Dokument verhandelt worden sein. Es müsste daher in den Archiven der betreffenden Länder oder Institutionen Varianten des Originaltextes geben. Aber auch das ist nicht der Fall. Kein Berufshistoriker hat dieses Dokument jemals erwähnt. Außerdem ist es überraschend, dass ein Dokument, das angeblich in der Zeit des Sklavenhandels verfasst wurde, erst im 21. Jahrhundert auftaucht.

Auch der Inhalt des Dokumentes ist problematisch. Es enthält zahlreiche Unwahrscheinlichkeiten, Anachronismen und Satzkonstruktionen, die in der protokollarischen, diplomatischen Sprache nicht üblich sind. Einige Beispiele: Der Begriff „Dritte Welt“ der häufig im Text auftaucht, wurde erst 1952 von dem französischen Demographen und Ökonomen Albert Sauvy ins Leben gerufen. Das Konzept „Genozid“, das ebenfalls im Text vorkommt, wurde 1943 erstmalig von dem polnischen Rechtsanwalt Raphael Lemkin verwendet. Auch Begriffe wie „wirtschaftliche Entwicklungshilfe“, „Massenvernichtungswaffen“ und das englische Wort „leaders“ wurden erst ab 1950 verwendet. Darüber hinaus ergibt sich aus der Charta ein verallgemeinerndes, ja gar simplizistisches Weltbild, dem eine radikale, rachsüchtige Feindlichkeit gegenüber „dem Westen“ zugrunde zu liegen scheint. Welcher Zweck damit verfolgt wird, bleibt unklar.

Das Dokument, das von manchen skrupellos dazu missbraucht wird, um schlecht informierte Menschen zu beunruhigen, ist demnach falsch, mit anderen Worten: Fake News. Es gehört in die Kategorie der Verschwörungstheorien und stützt sich auf andere fiktive Dokumente, wie die „Protokolle der Weisen von Zion“: ein berüchtigtes, auf Fälschungen beruhendes antisemitisches Pamphlet, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfasst wurde. Dies ist übrigens nicht das einzige Scheindokument über die Anfangsjahre des Kolonialismus, das im Internet kursiert. So zirkuliert bereits seit einigen Jahren ein ähnlicher Text mit dem Titel Discours du Roi Léopold II à l'arrivée des premiers missionnaires au Congo en 1883 (Rede von König Leopold II. bei der Ankunft der ersten Missionare im Kongo 1883).

Es ist daher völlig abwegig anzunehmen, dass das AfricaMuseum über ein solches Dokument verfügt. In keiner einzigen Inventaraufstellung wird es erwähnt. Die im Museum verwahrten historischen Archive können online oder auf einfache Anfrage konsultiert werden.

 

Black Lives Matter (in English)

Statement by the museum, June 11 2020

On June 3rd, the AfricaMuseum announced its support for the #BlackLivesMatter movement at the museum entrance and on social media. In fact, the museum was established in 1898 as a scientific institution for the dissemination of colonial propaganda and support of colonial activities in Belgium. The museum has long conveyed a message of Western supremacy, deeply rooted in racism. We acknowledge this and we see the fight against racism as part of our own decolonisation process. We regard colonialism as an immoral form of governance, based on military occupation of a country, authoritarian and racist governance, and exploitation of a country's wealth for the benefit of the coloniser.

Immediately after our post, some activists condemned our message to support the #BlackLivesMatter movement, because they thought it was hypocritical. Some even felt that we were appropriating a battle that was not ours. Of course, that was not our intention. We regret that this action has offended some people.

We are well aware that the museum, through its history, has played an important role in Belgium and Europe in creating prejudices against Africans. We are convinced that today the museum has immense potential as an awareness-raising tool and as a forum for debate on fundamental themes in our society, such as colonial history or racism and its roots in colonial propaganda. These topics are important themes in our permanent exhibition, and are regularly the focus of events organised by the museum.

We are also aware that the museum keeps objects in its collections of which it is not the moral owner. Part of the museum's collections were acquired in a context of violence, injustice and unequal relations, especially during the period of Congo Free State. This story is also told in our permanent exhibition and we actively participate in the ongoing debates on the return of African cultural heritage, and in a dialogue with involved African actors. We enter into an open and constructive dialogue with representatives from the museum field and with Belgian and African authorities, as well as with Belgians of African origin. Our policy on restitution is transparent and is explained on our website. In this context, we have also set up a residency programme for independent African scientists to investigate the circumstances in which these collections were acquired. The AfricaMuseum also has a strict code of ethics for the organisation of events.

We would also like to point out that the sculpture group with the bust of Leopold II located in the park near the museum does not fall under our jurisdiction, but under that of the park management. Nevertheless, since the beginning of the 21st century, the museum has been undergoing a process of decolonisation and we feel it is essential to contextualize the statues of controversial figures from the colonial period, such as Leopold II. In this context, we encourage the local authorities to engage in a dialogue with the communities for whom these statues represent a strong and painful symbol of the colonial period. Thus, the museum takes the initiative to discuss the future not only of the group of sculptures in the park but also of other colonial representations in the municipality of Tervuren with the relevant authorities.

We hope that this message shows our support for the anti-racism movement and we regret that we have hurt people with some of our messages.